Deutsche Polizei umgeht Signal-, Telegram- und WhatsApp-Verschlüsselung
Deutsche Polizisten lesen heimlich Messenger-Nachrichten mit einem einfachen Trick.

Image by Shutterstock
- Deutsche Behörden nutzen die Funktion zur Geräteverknüpfung bei WhatsApp, Signal und Telegram, um Nachrichten mitzulesen, ohne die Verschlüsselung zu knacken.
- Laut Netzpolitik verschafft sich die Polizei Zugriff über das Smartphone selbst, abgefangene Bestätigungscodes, Phishing oder die Überwachung von SMS-Nachrichten.
- Ein Fall aus dem Jahr 2020 zeigt, dass die Polizei die WhatsApp-Konten eines Ehepaars verknüpfte, das lediglich als Zeugen, nicht als Verdächtige galt.
- Deutsche Gerichte haben die Rechtmäßigkeit des heimlichen Zugriffs auf Telegram-Chats als Überwachungsmethode infrage gestellt.
Zentrale Fakten von nexos.ai, geprüft von der Cybernews-Redaktion.
Deutsche Strafverfolgungsbehörden nutzen Funktionen, die fest in Apps wie WhatsApp eingebaut sind, um Nachrichten mitzulesen, ohne die Verschlüsselung zu knacken oder Spionagesoftware auf den Smartphones der Betroffenen zu installieren.
Neue Dokumente, veröffentlicht bei Netzpolitik, zeigen, dass der deutsche Zoll die als „Messenger-Überwachung“ bekannte Methode bereits Ende 2023 zu testen begann.
Zwar warnte die Zollbehörde, dass Details zu dieser Methode mit „extremer Sensibilität“ behandelt werden müssten, um ihren Einsatz nicht zu gefährden. Besonders ausgeklügelt ist die Technik allerdings nicht.
Apps wie WhatsApp Web und Signal Desktop erlauben es, das eigene Konto auch auf anderen Geräten wie Laptops oder Desktop-Computern zu nutzen.
Genau diese Funktion nutzt der deutsche Zoll, um einen von der Polizei kontrollierten Computer mit dem Konto eines Verdächtigen zu verknüpfen.
Sobald die Verbindung steht, gehen die Nachrichten direkt auf diesem Computer ein, ohne dass die Polizei die schützende Verschlüsselung überhaupt knacken muss.
Wie sich die Polizei Zugang zu verschlüsselten Nachrichten verschafft
Netzpolitik schildert im Detail, dass sich die Polizei auf diese Weise entweder physischen Zugriff auf ein Smartphone verschafft, Bestätigungscodes über eine behördlich durchgeführte Phishing-Attacke abfängt oder SMS-Nachrichten im Rahmen einer Telefonüberwachung mitliest.
Im Fall von Signal warnen deutsche Sicherheitsbehörden, dass jemand, dem es gelingt, ein weiteres Gerät zu verknüpfen, Zugriff auf Nachrichten der vergangenen 45 Tage erhalten kann.
Für Telegram führt Netzpolitik den Fall eines mutmaßlichen Drogenhändlers aus Niedersachsen an.
Im März 2022 verknüpfte sich die Polizei heimlich mit seinem Telegram-Konto. Der Verdächtige bemerkte den Zugriff erst einige Stunden später – da hatten die Ermittler sein Nachrichtenarchiv bereits kopiert.
Laut offiziellen Unterlagen, die Netzpolitik vorliegen, wurden diese Methoden im August 2025 zur offiziellen Praxis erklärt, nachdem Beamte erklärt hatten, sie hätten bei schwerer und organisierter Kriminalität „bedeutende Ermittlungserfolge“ erzielt.
Netzpolitik stellt jedoch sowohl die Rechtmäßigkeit dieser Methode als auch ihren Umfang und die Auswahl der Zielpersonen infrage.
BKA überwacht WhatsApp-Nachrichten eines unschuldigen Ehepaars
Netzpolitik verweist auf einen Gerichtsfall aus dem Jahr 2020, bei dem bei einem Ehepaar, das selbst nicht verdächtigt wurde, physische Zugriffe genutzt wurden, um die Smartphones Unschuldiger zu überwachen.
Das Paar händigte der deutschen Polizei während einer Zeugenvernehmung im Zusammenhang mit seiner Tochter freiwillig ihre Smartphones aus, wodurch die Beamten Nachrichten einsehen und fotografieren konnten, die ihnen die Tochter geschickt hatte.
Während sich die Smartphones in ihrem Gewahrsam befanden, aktivierten die Beamten heimlich WhatsApp Web und verknüpften die Konten mit einem Computer des Bundeskriminalamts (BKA).
Sobald die Verbindung stand, konnten die Beamten potenziell:
- Neue WhatsApp-Nachrichten lesen, nachdem das Smartphone zurückgegeben worden war
- Bestehende Unterhaltungen einsehen, die mit dem verknüpften Computer synchronisiert wurden
- WhatsApp-Kontakte einsehen
- Im Namen des Ehepaars WhatsApp-Nachrichten versenden
WhatsApp-Sprachanrufe konnte die Polizei nicht überwachen, ebenso wenig hatte sie Zugriff auf andere Funktionen des Smartphones wie Kamera, Mikrofon, klassische SMS-Nachrichten oder Apps außerhalb von WhatsApp.
Die Rechtmäßigkeit solcher Methoden wird inzwischen von der deutschen Justiz infrage gestellt.
Rechtliche Grauzone
Im Januar entschied der Bundesgerichtshof, dass das heimliche Einklinken in Telegram-Chats auf diese Weise eine Form der Überwachung darstellt, und wies damit eine frühere Rechtsauffassung zurück, auf die sich das Zollkriminalamt noch im Februar dieses Jahres berief.
Bleib auf dem Laufenden und folge uns in den sozialen Medien
Entdecke neue Geschichten, Ideen und Updates zuerst bei uns.
Vielleicht gerade weil sich das Abfangen von Nachrichten als so erfolgreich erwiesen hat, drängen die Behörden nun auf noch weitreichendere Zugriffsrechte.
In den USA wurde berichtet, dass Strafverfolgungsbehörden iOS- und Android-Geräte überwachen können und dies auch bereits getan haben, indem sie Push-Benachrichtigungen abhören – unabhängig davon, ob die Nutzer dieser Geräte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung verwenden.