Deutschland setzt auf Linux und Open Source im Rennen um digitale Souveränität
Deutschland und Europa setzen zunehmend auf Linux und Open-Source-Software, um ihre digitale Souveränität zurückzugewinnen. Angesichts wachsender geopolitischer Spannungen soll die Abhängigkeit von US-amerikanischen Tech-Giganten reduziert werden.

By Cybernews.
Deutschland und Europa setzen zunehmend auf Linux und Open-Source-Software, um ihre digitale Souveränität zurückzugewinnen. Angesichts wachsender geopolitischer Spannungen soll die Abhängigkeit von US-amerikanischen Tech-Giganten reduziert werden.
In einem strategischen Schwenk wenden sich Dänemark und Deutschland von kommerzieller US-Software ab und setzen auf Open-Source-Plattformen.
Bei diesem Schritt geht es nicht nur um Kosten, sondern um Macht, Kontrolle und Unabhängigkeit in einer instabilen geopolitischen Tech-Landschaft.
Der Trend gewinnt europaweit an Dynamik. Das Hauptziel ist nicht weniger als die digitale Souveränität Europas.
Chad Metcalf, CEO bei Continue, einer Open-Source-KI-Plattform mit Fokus auf Souveränität, betont: "Organisationen sollten ihre Daten kontrollieren und wählen können, wo ihre KI-Workloads betrieben werden. Ob Kostenoptimierung, IP-Schutz, Compliance-Anforderungen oder Souveränitätsbedenken, das zugrundeliegende Bedürfnis ist dasselbe: Dateneigentum und Flexibilität bei der Bereitstellung von Software."
"Digitale Souveränität repräsentiert ein Ende des Spektrums der Datenkontrolle, für die Continue entwickelt wurde", fügt Metcalf hinzu.
"Für manche Organisationen ist Souveränität nicht nur eine Präferenz, sondern ihre Geschäftsgrundlage. Die Infrastruktur von Continue unterstützt solche Anwendungsfälle, weil die Plattform dafür gebaut wurde."
Weltweit steigen die Spannungen, denn Tech-Giganten wie Microsoft, OpenAI und Google agieren zunehmend mit geopolitischen Motiven. Ein Beispiel ist Microsoft, das dem Ankläger des IStGH (Internationaler Strafgerichtshof) Karim Khan den Zugriff auf seine E-Mails sperrte. Dieser Vorfall veranlasste viele Länder dazu, ihre technologische Abhängigkeit zu überdenken.
"Der Vorfall zeigt, dass die EU den in den USA ansässigen Anbietern von Betriebssystemen nicht vertrauen sollte", ließ die Europaabgeordnete Aura Salla dazu verlauten.
Souveränität vor Bequemlichkeit
Schleswig-Holstein ist der Vorreiter der Open Source-Revolution in Deutschland. Das Bundesland ersetzt derzeit die Microsoft Office Suite durch LibreOffice, SharePoint durch Nextcloud und Windows durch Linux.
Dänemark folgt dicht dahinter und möchte sicherstellen, dass seine kritische Cyber-Infrastruktur zukünftig ausschließlich im Inland kontrolliert wird, nicht bei Cloud-Diensten mit Sitz in den USA. Ein wichtiger Ansatz besteht aus Pilotprojekten für souveräne Cloud-Setups, teilweise in Zusammenarbeit mit europäischen Cloud-Anbietern wie OVHcloud.
Die spanischen Regionen Andalusien und Valencia sind mit eigenen Linux-basierten Projekten nachgezogen und bauen die regionale Verbreitung von Open-Source-Linux-Systemen zunehmend aus.
Die Beweggründe für diesen Schritt bezeichnet Metcalf als "Black-Box-Problem". Der Begriff umschreibt die Unmöglichkeit für Betroffene, die KI-Systeme externer Anbieter zu prüfen oder zu modifizieren.
"Organisationen, die Souverän sein möchten, sind auf Transparenz und Kontrolle über den gesamten KI-Stack angewiesen", erklärt er.
"Dies wird besonders komplex bei KI-Code-Assistenten, weil sie das geistige Eigentum einer Organisation verarbeiten, darunter ihre Codebasis, Entwicklungsmuster sowie Entscheidungen über die Systemarchitektur und die Geschäftsprozesse."
Sowohl Deutschland als auch Dänemark verweisen auf den US Cloud Act, der amerikanische Unternehmen verpflichtet, den US-Behörden Zugriff auf gespeicherte Daten aus dem Ausland zu gewähren. Viele Länder sehen dies naturgemäß als Warnsignal, da es grundsätzlich nicht mit dem Prinzip der Souveränität vereinbart ist. Ganz zu schweigen davon besagen einschlägige Dokumente, dass die amerikanische Haltung im Widerspruch dazu steht, was für die EU vereinbart wurde.
Europäische Anbieter wie IONOS haben bereits gewarnt, dass bei der Nutzung US-gehosteter KI-Dienste alle Daten dem dortigen Recht unterstehen, Kontrolle und Sicherheit werden dabei untergraben.
"Organisationen, die souverän sein möchten, gehen bei der Nutzung von im Ausland gehosteten KI-Diensten diverse Risiken ein", erklärt Metcalf.
"Das direkteste Risiko ist der Zugriff ausländischer Behörden. Für viele Betroffene stellt dies einen inakzeptablen Kontrollverlust dar."
Deutschland, Dänemark und Spanien sind nicht allein. Frankreichs Militär wechselt innerhalb seiner Verteidigungsinfrastruktur zu Open Source. Tausende Arbeitsplätze sind von Windows auf Ubuntu Linux umgestiegen. Auf anderen Kontinenten kommt ebenfalls Bewegung in die Sache. Indien entwickelt aktuell eigene Open-Source-Sprachmodelle für den Einsatz in Regierung, Bildung und Militärsystemen.
Sind die Folgen finanziell spürbar für US-Konzerne?
Die Berliner Suchmaschine Ecosia profitiert nach eigenen Angaben vom Wunsch ihrer Kunden, US-Suchmaschinen wie Microsoft Bing oder Google zu meiden. Google dominiert derzeit nicht nur die Websuche, sondern ist auch der weltgrößte E-Mail-Anbieter.
"Je schlimmer es wird, desto besser für uns", sagt Gründer Christian Kroll über Ecosia. Das Geschäftsmodell des Unternehmens zielt darauf ab, Gewinne in Umweltprojekte zu investieren.
Daten von Similarweb zeigen, dass die Anzahl der Suchanfragen aus der EU bei Ecosia im Jahresvergleich um 27% gestiegen ist. Das Unternehmen gibt an, 1% des deutschen Suchmaschinenmarktes zu halten.
Doch Ecosias 122 Millionen Besuche aus den 27 EU-Ländern im Februar wirken verschwindend gering neben Googles 10,3 Milliarden Besuchen.
Googles Muttergesellschaft Alphabet erwirtschaftete 2024 etwa 100 Milliarden Dollar Umsatz in Europa, dem Nahen Osten und Afrika. Das ist fast ein Drittel des globalen Umsatzes von 350 Milliarden Dollar. Die gemeinnützige Ecosia verdiente im April 3,2 Millionen Euro, 770.000 Euro davon wurden für das Pflanzen von 1,1 Millionen Bäumen ausgegeben.
Google lehnte eine Stellungnahme zu den aktuellen Entwicklungen ab.
Reuters konnte seinerseits nicht ermitteln, ob große US-Tech-Unternehmen bereits Marktanteile an lokale Konkurrenten in Europa verloren haben.