Immer mehr Europäer meiden Big-Tech aus den USA zugunsten regionaler Alternativen

Eine neue Welle veröffentlichter Listen mit EU-Alternativen für digitale Produkte ermutigt Nutzer dazu, US-Tech-Anbieter zu verlassen, lokale Innovation zu unterstützen und die Kontrolle über ihr digitales Leben zu übernehmen.
„Tech-Swap“-Seiten liegen in ganz Europa im Trend. Verzeichnisse, Forenbeiträge und Social-Media-Seiten wollen Europäern dabei helfen, lokale Alternativen zu bekannten US-Apps zu finden. Darunter befinden sich E-Mail-Dienste, Cloud-Speicher, Suchmaschinen und viele weitere Dienstleistungen und Produkte.
Eines der europäischen „Tech-Menüs“ stammt von Constantin Graf, einem Softwareentwickler aus Wien, und seiner Plattform european-alternatives.eu.
Um sich von Gmail zu lösen, empfiehlt die Seite Dienste wie Mailbox.org, Posteo, den niederländischen Anbieter Soverin, Proton Mail aus der Schweiz und über ein Dutzend weiterer Alternativen. Für die Google-Suche werden Dienste wie das französische Qwant oder das deutsche Ecosia genannt. Als Ersatz für den Chrome-Browser könnten Vivaldi oder Mullvad zum Einsatz kommen.
Anstelle von AWS empfiehlt die Seite den französischen Anbieter Scaleway, OVHcloud, das finnische UpCloud oder das Schweizer Unternehmen Exoscale. Um Slack zu ersetzen, stehen Stackfield oder Nextcloud Talk aus Deutschland, Infomaniak kChat aus der Schweiz oder Fleep aus Estland zur Auswahl. Sogar für YouTube gibt es mögliche Alternativen, darunter Alugha und PeerTube.
Für fast jeden US-Dienst gibt es zahlreiche europäische Alternativen.
Ein weiteres Verzeichnis, dessen Website kurioserweise in Kolumbien registriert wurde, ist euroalternative.co, entwickelt vom Softwareentwickler und Unternehmer Piotr Kulpinski.
Statt Google Docs oder Microsoft 365 wird hier zur lettischen Office-Lösung ONLYOFFICE geraten, statt Dropbox oder WeTransfer zur spanischen Plattform Internxt Send und statt iCloud oder Google Drive zum Schweizer Cloud-Dienst pCloud. Proton Lumo und Mistral werden als Alternativen zu Grok und ChatGPT genannt. Für Netflix hingegen gibt es aktuell keine Alternative auf den genannten Seiten.
Die Plattform Switch-to.eu, entwickelt von den Digitaldesignern Vincent und Simon Peters aus Antwerpen, bietet Umstiegsanleitungen, die Nutzer dabei unterstützen, etwa von WhatsApp zu Signal zu wechseln.
Nutzer auf X und anderen sozialen Medien entdecken und teilen solche Seiten immer häufiger.
Auch europäische Unternehmen scheinen zunehmend auf den Zug der digitalen Souveränität aufzuspringen.
Viele Gründe für einen Wechsel, ausgelöst durch die US-Außenpolitik
Zahlreiche Seiten führen überzeugende Argumente dafür an, warum Europäer auf regionale Alternativen setzen sollten. Zu den spürbaren Vorteilen gehören besserer Datenschutz, Werbefreiheit und ein stärkerer Schutz der Verbraucherrechte.
„Wenn Sie bei lokalen Unternehmen einkaufen, unterstützen Sie sich selbst auf lange Sicht. Die vom Unternehmen gezahlten Steuern kommen indirekt zu Ihnen zurück und das Unternehmen schafft Arbeitsplätze in Ihrer Region“, heißt es auf Grafs Website.
Kulpinskis Verzeichnis hebt die Unterstützung lokaler Innovationen und die Datenhaltung in Europa hervor.
„Die Idee entstand, als ich selbst Schwierigkeiten hatte, europäische Cloud-Dienste für mein Unternehmen zu finden. Mir wurde klar, wie schwer es war, diese Alternativen zu entdecken, trotz des großartigen Tech-Talents, das wir in Europa haben. Also beschloss ich, die Ressource zu schaffen, die ich mir selbst gewünscht hätte“, sagte Kulpinski.
Geld, Datenschutz und unkompliziertere Unternehmensprozesse sind jedoch nicht die Hauptgründe dafür, warum solche Ressourcen plötzlich an Popularität gewinnen.
„In Zeiten geopolitischer Unsicherheit und wachsender Spannungen zwischen Europa und den USA ist digitale Souveränität wichtiger denn je“, sagte Maciamo, Autor einer weiteren Tech-Alternativenliste im Eupedia.com-Forum.
„Jüngste Handelskonflikte, Spannungen rund um den Datenschutz sowie das Risiko von Sanktionen zeigen, wie riskant die Abhängigkeit von US-Tech-Plattformen ist.”
Die Nutzer im Forum betonten die Bedeutung der Unabhängigkeit von ausländischer Gesetzgebung und digitaler Überwachung.
„Vor allem nach dem schamlosen Einknicken der Tech-Giganten vor Donald Trump ist das Interesse an europäischen Alternativen weiter gewachsen“, heißt es auf der Website von switch-to.eu.
„Wachsende Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und die zunehmende Monopolstellung amerikanischer Tech-Konzerne haben uns zur Erstellung dieser Plattform veranlasst.“
Digitale Souveränität ist in der EU bereits Teil der politischen Agenda.
Cybernews berichtete bereits, dass viele europäische Länder vermehrt auf Linux und Open-Source-Software setzen, um digitale Souveränität zurückzugewinnen und die Abhängigkeit von Tech-Riesen aus den USA angesichts wachsender geopolitischer Spannungen zu verringern.
Schleswig-Holstein, ein deutsches Bundesland, gehört zu den Vorreitern der digitalen Souveränität und versucht, Microsoft-Programme wie Teams, Word, Excel und Outlook vollständig durch Open-Source-Alternativen zu ersetzen.
Innerhalb der EU werden derzeit Diskussionen über digitale Souveränität und technologische Unabhängigkeit geführt.
Eine europaweite Kooperation, das Digital Commons European Digital Infrastructure Consortium (DC EDIC), wurde eingeführt, um digitale Werkzeuge und Infrastrukturen gemeinsam zu entwickeln und bereitzustellen. Erklärtes Ziel ist, die digitale Souveränität Europas zu stärken.
„Die Kommission betrachtet das DC EDIC als ein strategisches Instrument, um die Abhängigkeit der EU von einer kleinen Anzahl globaler Plattformen zu verringern und Regierungen, Unternehmen und Bürgern eine echte digitale Wahlmöglichkeit zu geben, die auf europäischen Werten beruht.“
Ein EDIC ist ein rechtliches Mittel im Rahmen des Digital Decade Policy Programme 2030, der europäischen Strategie zur Förderung der digitalen Wirtschaft, Nachhaltigkeit und Sicherheit.
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