Warum nutzt fast niemand Europäische Social-Media-Alternativen?

Es gibt bereits europäische Alternativen zu den amerikanischen Social-Media-Netzwerken Instagram, Snapchat, X und LinkedIn. Bisher mit beschränktem Erfolg.
Dass Europa aktuell W entwickelt, eine Alternative zu Elon Musks X, ist in aller Munde. Es gibt zunehmend Forderungen nach größerer digitaler Unabhängigkeit von den USA, besonders seit Donald Trump sein Amt angetreten hat.
Facebook, Instagram und LinkedIn gehören alle dem US-Unternehmen Meta und dominierten 2025 den europäischen Markt. Mittlerweile wurde Chinas TikTok und seine 200 Millionen europäischen Nutzer von amerikanischen Investoren übernommen.
Social-Media-Plattformen, entwickelt von europäischen Unternehmen, existieren bereits. Bisher fällt es ihnen aber scheinbar schwer, wirklich Fuß zu fassen.
Monnett statt Instagram
Monnett, eine in Luxemburg ansässige App zum Teilen von Bildern und Videos, gilt als europäische Version von Instagram. Die 2025 gestartete Plattform vermarktet sich als suchtfreie Plattform, frei von künstlicher Intelligenz, Bots und Überwachung.
Die Benutzeroberfläche der Plattform ähnelt stark der von Instagram und ermöglicht Nutzern, Videos und Bilder zu teilen sowie verschlüsselte Nachrichten an andere Nutzer zu senden.
Die App ist derzeit kostenlos, bietet aber ein kostenpflichtiges Abo ab 2,99 €. Dieses Geschäftsmodell soll sicherstellen, dass die App werbefrei bleibt.
Vorteile von Monnett: Die Plattform gibt Nutzern die Kontrolle über ihren Feed und ermöglicht ihnen zu wählen, wie oft sie Beiträge von Freunden, gefolgten Konten und neue Empfehlungen sehen.
Nutzer können ihre Feeds auch kontrollieren, indem sie Kategorien auswählen. Beispielsweise kann ein Nutzer Nachrichten und Sport abwählen und sich nur auf Lernen und Lifestyle konzentrieren.
Nachteile von Monnett: Die Plattform steckt noch in den Kinderschuhen mit knapp über 30.000 Nutzern. Das bedeutet, dass Nutzer, die Instagram verlassen, möglicherweise nicht mit Freunden in Kontakt treten oder ihren Lieblings-Seiten folgen können.
Xing statt LinkedIn
Xing wird gerne als die europäische Version von LinkedIn bezeichnet. Sie existiert bereits seit 2003 gestartet und hat Stand November 2025 rund 22,5 Millionen Nutzer in den deutschsprachigen Ländern.
Die Seite ermöglicht Nutzern, Profile zu erstellen, die ihre Berufserfahrung, Fähigkeiten und Sprachen auflisten. Im Gegensatz zum LinkedIn-Feed schlägt der „Insights"-Bereich von Xing eher Artikel und Nachrichten-Feeds vor als die Beiträge einzelner Mitglieder.
Vorteile von Xing: Es ist streng professionell und konzentriert sich stark auf Stellenanzeigen und Bewerbungen, statt auf einen Facebook-ähnlichen Feed, der Engagement und Nutzerbeiträge priorisiert. Ein solches Design könnte von Nutzern bevorzugt werden, die der KI-generierten Meinungsbildung auf LinkedIn überdrüssig sind.
Nachteile von Xing: Die Plattform konzentriert sich auf Jobs und Nutzer in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sodass sie nicht viele Optionen für Nicht-Deutschsprachige oder diejenigen bietet, die eine Beschäftigung in anderen Ländern suchen. Das behindert ihre Verbreitung über die DACH-Region hinaus.
Mastodon statt X
Nachdem Musk Twitter übernahm, verließen Nutzer die Plattform in Scharen, Mastodon wurde zu einer der beliebtesten Alternativen. Die 2016 ebenfalls in Deutschland gegründete Plattform ist ein quelloffener, dezentraler Mikroblogging-Dienst.
Nutzer erstellen ihre Konten auf einer Serverinstanz ihrer Wahl. Diese Server werden von verschiedenen Personen oder Organisationen betrieben, haben ihre eigenen Moderationsregeln und können entweder allgemeiner Natur oder einer bestimmten Community gewidmet sein.
Vorteile von Mastodon: Im Gegensatz zu X oder Facebook unterstützt Mastodon Interoperabilität und ermöglicht Nutzern, ihr Profil auf einen anderen Server oder sogar auf eine andere dezentrale Plattform zu verschieben, ohne Follower zu verlieren.
Mastodon gibt Nutzern mehr Kontrolle über den Feed und ermöglicht es ihnen, die Discovery-Funktion zu aktivieren oder zu deaktivieren und so die Sichtbarkeit ihres Profils und ihrer Beiträge anzupassen. Die Plattform ist zudem werbefrei.
Nachteile von Mastodon: Die Plattform kann für neue Nutzer im Vergleich zu zentralisierten sozialen Netzwerken schwieriger zu navigieren sein.
Die Plattform hat etwa 11,7 Millionen registrierte Nutzer, deutlich weniger als die 650 Millionen von X. Eine Studie über Akademiker, die Twitter für Mastodon verließen, ergab, dass viele auf der Plattform nicht aktiv blieben, da es an etablierten Strukturen und Kommunikation mangelte.
BeReal statt Snapchat
Die französische Social-Networking-App BeReal eroberte 2022 die Welt im Sturm, nachdem sie die Apple App Store Awards gewann.
Die App fordert Nutzer einmal täglich zu zufälligen Zeiten auf, innerhalb eines Zwei-Minuten-Fensters ein ungefiltertes Foto mit Vorder- und Rückkamera aufzunehmen und zu teilen. BeReal wird als Förderung von Authentizität vermarktet, da zwei Minuten angeblich zu kurz sind, um Bilder zu inszenieren.
Der Erfolg von BeReal ließ jedoch schnell nach, und die App hatte 2025 rund 40 Millionen monatlich aktive Nutzer, verglichen mit ~477 Millionen täglich aktiven Nutzern auf Snapchat.
Vorteile von BeReal: Das Design der App basiert auf Privatsphäre, da es sich auf das Teilen von Bildern zwischen Freunden konzentriert, aber Nutzern ermöglicht, Beiträge von Freunden oder deren Freunden zu sehen. Dies könnte das Risiko verringern, schädlichen Inhalten ausgesetzt zu werden, eliminiert die Gefahren jedoch nicht gänzlich.
Die Feed-Beschränkungen und das Zwei-Minuten-Zeitfenster zum Posten könnten gedankenloses Scrollen verhindern.
Nachteile von BeReal: Das größte Versprechen der App, nämlich Authentizität, ist gescheitert, da Daten darauf hindeuten, dass Nutzer begannen, Bilder zu inszenieren, indem sie Beiträge verzögerten, nachdem das Zwei-Minuten-Fenster optional wurde.
Darüber hinaus berichten Nutzer von der Angst, etwas zu verpassen, wenn ihre Aktivität nicht so aufregend ist wie die ihrer Freunde, oder vom Druck zu posten, wenn ihnen nicht danach ist. Die sinkende Nutzerzahl animiert auch andere Nutzer dazu, die App wieder zu verlassen.
Wie könnte die perfekte europäische Plattform aussehen?
Mathilde Sanders, eine Postdoktorandin an der Universität Utrecht in den Niederlanden, sagt, dass eine Massenmigration zu einer neuen Plattform eine große Herausforderung wäre, weil sie das Durchbrechen des Netzwerkeffekts erfordert.
Ihrer Ansicht nach, ist es jedoch nicht unmöglich und könnte durch wachsendes digitales Verbraucherbewusstsein ausgelöst werden. Es ist auch eine politische Frage.
Die Trump-Regierung, die zunehmend feindselig gegenüber Europa eingestellt ist, unterstützt die Beschwerden der amerikanischen Tech-Unternehmen angesichts der vermeintlichen „Diskriminierung" und „unfairen Behandlung", in Bezug auf die intensive Prüfung durch europäische Behörden.
Von Grok generierte nicht-einvernehmliche explizite Bilder, die X überschwemmen, und Trumps jüngste Drohungen, Grönland zu erobern, lösten eine neue Welle von Bemühungen aus, sich in Europa von US-Technologie abzuwenden.
Sanders sagt, dass Europäer bereits dabei sind, digitale öffentliche Infrastruktur zu schaffen, einschließlich sozialer Netzwerke, und dass staatliche Finanzierung erforderlich sein könnte, damit dies funktioniert.
Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass staatliche Finanzierung zu Bemühungen führen könnte, die Meinungsfreiheit in diesen sozialen Netzwerken einzuschränken. Daher sollten die Plattformen im Besitz von zivilgesellschaftlichen Organisationen oder direkt von Bürgern sein, um eine größeres Maß an Demokratie zu gewährleisten.
Sanders sagt, dass ein anderes Geschäftsmodell, das auf Zahlungen direkt von den Plattformnutzern basiert, wie etwa Abos und Spenden, ebenfalls dazu beitragen könnte, die Risiken staatlicher Einmischung zu mindern.
Derzeit wären Nutzer nicht bereit, für soziale Medien zu bezahlen, weil sie auf kostenlose, benutzerfreundliche und ausgeklügelte Software zugreifen können.
Ein Haushalt hat vielleicht Netflix, aber möglicherweise kein Geld für viele verschiedene Arten von Abonnements. Man muss da realistisch sein und nicht nur Modelle für elitäre Gruppen machen.
Dr. Mathilde Sanders
Beispielsweise deutet eine Studie aus dem Jahr 2020 darauf hin, dass nur einer von fünf Befragten bereit wäre, für soziale Medien zu bezahlen, wenn dies die Privatsphäre ihrer Daten garantieren und andere Bedenken bezüglich dieser Plattformen ausräumen würde.
Während ChatGPT-Abos als Beispiel dafür dienen, dass einige Nutzer bereit sind zu zahlen, ist es wichtig sicherzustellen, dass eine kostenpflichtige Social-Media-Plattform nicht Gruppen mit geringeren Mitteln ausschließt.
Sanders sagt gegenüber Cybernews: „Ein Haushalt hat vielleicht Netflix, aber möglicherweise kein Geld für viele verschiedene Arten von Abonnements. Man muss da realistisch sein und nicht nur Modelle für elitäre Gruppen machen."
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